Am Teilhaben dieser Dreiländereck-Annährerungen, die gewöhnlich in drei Sprachen abliefen einschließlich des badisch-elsässischen Dialekt dieser Alemannen am Oberrhein, fand ich Gefallen. Die Überfahrt überraschte stets mit einer der meisten Fremden ungewohnten, sichtlich anrührende Beschaulichkeit. Eröffnete sich diese meine Sicht ebenso den fast täglich 53.000 Elsässer, die hier zu ihren rechtsrheinischen Arbeitsstellen pendelten? Sie fuhren durchs gegenüberliegende Naturschutzgebiet Taubergießen, mit seinen vor dem Orkanschaden Lothar noch nicht vernichteten, üppigen Auwaldbestand, oder sie kamen von dort. Aus mir vertrauten Riedwälder, genährt durch einst mineralstoffreiche Lößstürme, und deren in fruchtbaren Gewässern mit mächtigen Ablagerungen verstummten, einstige Quellen, den Gießen. An diesem Grenzstrom wurde ich dem futuristischen Traum großer Geister aus den 20er Jahren dieses Jahrhunderts endlich gerecht, ich war europäisch. Wäre ich noch berufstätig gewesen, wie diese pendelnden Grenzgänger, hätte ich mit ihnen so den Rhein überquert, mit und seit den europäischen Verträgen von 1992. Das Pendeln jedoch blieb mir mit all diesen Menschen gemein, sei es in der Wahl meiner Landschaftsstreifzüge oder kulturellen Interessen. Unter der Schiffsantriebsschraube der Rheinfähre lagern die der Eiszeit entstammenden Kies- und Sandablagerungen. Am Ufer unweit der Motorfähre, vom Kieswerk aus, betrieb man die Verladung per Förderband auf die Lastkähne der Binnen-Rheinschifffahrt. Hinter mir und vor mir wucherte üppig sein ihn beidseitiges Schilfried. Urige Sumpf- und Auenlandschaften im Mischwaldbestand entstanden im Schutze zahlreicher Rheinausläufer. Markant seine, von hohen mit Lianen umgürteten, die Linksbeuge nach Norden flankierenden Pappeln. Von hier nach Süden, in Quellrichtung der Wetterscheide des schweizerischen Gotthard-Massivs und in Richtung des Dreiländerecks, verbirgt der Rhein auf seiner 1.325 km langen Strecke seine beinahe letzten 1600 ha von Menschen unberührter Natur.
Bis heute, meines vierten Jahres hier, in den letzten drei Jahren vor der Jahrtausendwende, kehrte ich von meinen Streifzügen hierher zurück. In eine Zwangsgemeinschaft von Häusern, all der hier möglichen Stilrichtungen und Verputzfarben. Ob teilweise renoviert oder neu aufgebaut, stets zogen sie meine Aufmerksamkeit auf sich. Ihr Baugrund war einst Teil des dadurch vernichteten Schilf- und Moorgebietes. Dem ursprünglich doppelt so langen Altrhein mit seinen verbliebenen Zeugen, den heutigen Kanalausläufern der Gießen. Die "Stockelbure", so berichtet die Straßburger Chronik, haben diese Rheinbiotope vor etwa 2000 Jahren mühsam trocken gelegt mit ihrer Pfahlbauzivilisation. Zu der Zeit, als die Römer nördlich davon dessen heutige Hauptstadt "Argentoratum" erbauten. Wer kennt die hiesige, durch reichlich vorkommende stille Gewässer begünstigte Stechmückenplage? Erst am "Amazonas des Oberrheines" lässt sich diese damalige Plackerei spürbar vorstellen. Mit diesem Spätsommer war die besagte Mückenplage ebenfalls überstanden. Ich hielt sie stets für den Preis des hier unbefugten Wohnens hier am elsässischen Rheinufer, im "quel beau jardin"! Mannigfaltigkeit einzigartiger Landschaften auf nur 40 km Entfernung. Ich bewohne ein europäisches Unikat reich an natürlichen Umwelten, bedingt durch seine geographisch zentrale Lage und deren wechselnden Klimaeinflüssen. Ihr kennt das Geheimnis seines milden Klimas! Der talwärts wehende Traubenkocher, der Vogesenföhn am Oberrhein. Die Wolken sammeln sich erst am Schwarzwald wieder, um dort abzuregnen. Von den Rheinufern bis zu den Vogesengipfeln überquere ich der Reihe nach üppige Rheinauenwälder, blühende Stoppelfelder, oft bis zur Fahrstrasse periodisch überschwemmte Riedauen (der Landwirtschaft zuträgliche Lößterrassen), besonnte Weinberge (das Piémont der Vogesen), weitläufige Eichenwälder, Vogesentannen und höchst alpine Gipfel. Ist es das was ich so liebe, und was mir Fernweh fernhält? Über das Fichtelgebirge ins Vogtland einreisend, betrat ich erstmals diesen entmilitarisierten Teil. Hätte ich nicht diese Einladung als Anlass gehabt, wäre zuerst das bislang aufgeschobene Riesengebirge mein östliches Ziel gewesen. Es sollte sich so ereignen... Den drei Hauskatzen fiel diese Zeit der vorübergehenden Abwesenheit vorerst nicht schwer. Ein Perserpaar verbrachte die Zeit mit viel Schlaf, und dem üblichen 'Warten auf...'. Die integrierte Straßenkatze Baba erinnerte sich dabei ihrer Hungerszeit, und achtete am Fenster wartend auf zeitige Verpflegung. Meine täglich an 90 Minuten Auslauf gewöhnte Husky-Hündin H'Ely war rechtsrheinisch bei meinen Eltern untergebracht. Ihr erster Aufenthalt in einem Hundezwinger schnitt ihren üblich gewohnten Freiraum ein, und war nur durch gute Häppchen zu belohnen. Zur gleichen Zeit zu Hause, wohl kaum zufällig, trieb sich eine Hungrige gleicher Hunderasse frei um die Häuser. Ob gerade auf der Straße, oder in den gegenüber liegenden Feldern, meine Nachbarn hielten sie stets für die meinige. Ihrem Trieb folgend, beliebig frei darin, ob es ihr nun nach Hundefutter der besorgten Nachbarn, oder der allzu verlockenden Jagd auf Fasanen, Wild und Feldhasen zumute war, löste sie die erregte Besorgnis der Nachbarn aus. Für sie war die Ähnlichkeit mit H'Ely eben gleich auch dieselbe meine Wölfin. Beim Auftauchen dieser zutraulich wie freundlichen Neuen Husky-Hündin begegnete ihnen zumindest, so nur immer nur die zu Hause allein zurück gelassene H'Ely der eben verreisten Nachbarin. So ließen sie es auch nicht an der gemeinsamen Sorge um ihr Wohlergehen fehlen. Arglos setzten sie diese streunende, stets futtersuchende Fremde, wieder und wieder auf das Grundstück zurück; was mühselig war, denn das hoch geschwungene Eisentor war verschlossen. Diese zwängte sich darauf wieder durch die zur Sonne angeordneten Gitterstäbe in ihre geschätzte Jagdfreiheit. Gemeinsam beschlossen sie nun, diese vorerst über Nacht bei einem Nachbarn mit ausreichender Umzäunung festzuhalten. Was weiter nicht schwierig war, denn diese offensichtlich Herrenlose kam seither regelmäßig zur Futterabnahme vorbei. Zwischenzeitlich füllte mein Nachmittag die Häuservielfalt von Industriegebäuden mit beträchtlichem Straßenlärm. Meine erste Reise bei der ich Heimweh hatte. Ungeniert fragte ich mich durch bei Alt und Jung, wobei sich beide gleich gern auf ein kleines Gespräch einließen. Meine Gastgeber luden noch vor der Rezession ein zum erreichten wirtschaftlichen Aufschwung mit Empfang in neu modernisierten und automatisierten Räumen. Ich hatte meine Schwierigkeiten dieser Euphorie zu folgen, die dabei zu vieles in den Hintergrund geraten ließ. Frei über ihren Alltag berichtend, verfolgte ich die Probleme dieser neuorientierten Sachsen. In ihrer Zeit der wogenden Wellen, entging mir nicht die Herzlichkeit im Austausch. Schwieriger hatte es dabei meine Galle mit den herausfordernden Mahlzeiten. Einige der offenen Gespräche beschäftigten mich bis zu meiner Abreise und darüber hinaus. Auf der Rückreise erfuhr ich per Handy vom seltsamen Fund der empörten Nachbarn. So etwas sei doch wirklich nicht meine Art gewesen. - Dies ereignete sich schicksalhaft, noch während ich den Eindrücken des anmutig hügeligen Vogtlandes und deren menschlichen Berührungen erlag. In Gedanken noch bei den dort zurück gelassenen menschlichen Begegnungen, dieser von Umwälzungen gestressten Bewohner bestimmten die siebenstündige Ab- und Heimreise. Einblicke in bislang Unzugängliches, bei bereits einschleichender Inflation mit Massenarbeitslosigkeit, gekoppelt an Staatsverschuldung und verordneter Globalisierung, die dennoch noch nicht sichtbar war.
Mit Ankunft der zweiten Wölfin
vergaß ich die Bekümmernisse meiner kleinen Welt, inmitten einer
größeren. Mein Unverständnis darüber, dem Menschen abhängige Wesen nach
dem Urlaub auszusetzen wie man Konsumgüter entsorgt, vergaß ich nicht.
Ein Vorschlag meiner Nachbarin, diese Ausgewachsene doch einem
LKW-Fahrer mitzugeben, der davon hörte und sie an einer Grenzstelle
nach Luxemburg verkaufen wollte, erregte weiteren Unmut über diese
weitere Verantwortungslosigkeit nach ihrem bisherigen Schicksal. So
bemerkte ich, dass dieses sprechende Augenpaar mit einer leichten
Braunschattierung im linken Auge meine fürsorgliche Zuneigung eroberte.
Gegenseitig frei von schlechten Erfahrungen, die sie bereits mit
Menschen hatte, verstrichen ihre, von mir nicht wahrgenommenen, etwa 65
Tage Trächtigkeit; die mein Tierarzt sehr wohl bemerkt haben
muss, ehe er mich dazu drängte ihr Unterkunft zu gewähren. (Er
hatte wieder den Pflichtdienst die in Mode
gekommenen, völlig gesunden Husky's einzuschläfern, die länger als 8
Tage in den Aufnahmezwingern des Tierheimes verbrachten, wie ich
erfuhr.) Meinerseits Tage mit Wehmut nach den klimatisch einladenderen,
denn das Laub folgte nur allzu willentlich dem elften Monat in seine,
vom Wind zur Kälte verregneten Tage. Ein jeder Tag mit Sonnenlicht war
Grund genug, mich auf die, mit beiden Wölfinnen getrennt vorgenommenen,
Flur-Beradelungen vorzubereiten. Saß ich einmal auf diesem
Velo mit Vierpfoten-Antrieb, war ich froh darüber diese
Pflicht zu haben. Zu keiner anderen Tageszeit war mir die Freude über
die, wenn auch ruhende Natur so bewusst. Diese aufeinander
Eifersüchtigen entbehrten viel an möglichem Freiraum. Besonders durch
die gemeinsame Ankettung an der vom Eisentor bis zur Eingangstür
langgezogenen Sandsteintreppe. Zu ihrer Unterhaltung dienten
vorbeikommende Nachbarn und stets zum Spaßen und Rufen aufgelegte
Kinder. Indessen näherte ich mich diesen letzten Novembertagen mit
innerlicher Einkehr und im Vertiefen in lange Zeit schon aufgesparten
Themen.
Aus sicherer Entfernung, verfolgte Ella diese grundlegenden Erfahrungen ihrer Welpen mit ihrer vom Muttertrieb verwandelten Rivalin H'Ely, wenn auch unter besorgtem Heulen. Sie akzeptierte nur darin das territoriale Rudelmitglied. Wir waren fasziniert von dieser Tollerei. Im spielerischen Beschäftigen der Jungen, bis zu den Geschicklichkeitsübungen für die spätere Jagd im Rudel, erkannte ich bei diesem Mythos ein komplexes soziales Verhalten. In meinem kleinen Umfeld entwickelte sich ein Gefüge, das weiter bestehen würde. Selbst wenn die Bausteine von „Rosamunde“ (wie dessen Vermittlerin unser Haus rosenumpflanztes Gelände nannte) längst zu Staub verfallen sind. Im üppigen Pflanzen- und Tierbestand des Rieds war dieser Mythos längst unumstößlich. Bei den Menschen widerspiegelt er sich mir wohl ein Leben lang als etwas Unfassbares. In allem konnte ich die ihm eigene Entwicklung verfolgen, fragt mich nicht wodurch genau. Die jahreszeitlich wachstumsfördernden Änderungen des Klimas halfen mir dabei diese Strukturen wahrzunehmen. Selbst bis hin zum « Hundewetter » und ungeachtet eines längeren, schwächenden Leidens. Die Anpassungsfähigkeit dieser stolzen Sprinterinnen an uns Menschen, zeigte sich mir besonders im Radeln mit den beiden. Im Beobachten dieser, sich die Fahrradvorrichtung zu eigen machenden, entpuppte sich mein Alltag als vorbestimmter Ablauf. Ihr versteht jetzt, dass dieses Winter-Ereignis gleichzeitig mein Klang stimmender Vermittler war zwischen Natur und Mensch...; und eben nicht zwischen Mensch und Natur. Zwischenzeitlich ließen sich diese weiteren Neuankömmlinge besser handhaben.Freddy, der erste im Wurf war in seiner Fellfarbe der einzig Helle und folgte dieser maskenhaft vorgegebenen Fellzeichnung mehr als eine Laune der Natur. Sein ihm vorgegebenes Fell wechselte von einer zunächst hellbeige sich ins rotbraun färbende Schattierung. Er war Ella's Liebling. Furchtlos im Wesen und flink auf seinen Pfoten war er ihr am ähnlichsten. So rief ich ihn Freddy Frinton. Mit seinen braunen Augen, frech stehenden Ohren und stets zur Seite verweilender Kopfhaltung war er, nach dem zweiten Wurf, der Welpenblickfang. Was würde aus diesem Energiebündel werden, dessen braune Augen seine Fellzeichnung erst so richtig zur Geltung brachte? - Schwarze Tarnungsaufhellung beim zweiten im Wurf. 'Sein' alles herausfordernder, Edelstein gleicher Blick, war mir sinnbildlich für einen Schatzsucher. Joseph Viktor von Scheffel siedelte diesen in seinen Roman 'Ekkehard' im 10. Jahrhundert an. Ohne zu zögern benannte ich ihn nach diesem treuen Hirtenjungen Audifax, der das goldene Regenbogenschüsselchen fand und ungeschliffene Bergkristalle erkannte. Bei Ella's Audifax jedoch, erstrahlte das Augenpaar bestechend eisblau, unübersehbar aus dem sich nach und nach schattierenden und wolfsfarben marmorierten Fell. Täglich mit neuen Facetten dieser Entwicklung konfrontiert, erlagen wir der beschleunigten Abfolge genetisch natürlicher Bearbeitung. Um so überraschter sollte ich bald entdecken, dass eine noch nicht eingewachsene Nabelschnur keineswegs den Beweis für einen dritten Rüden erbrachte. Dieses bis dahin als "Audifax" benannte Schatzsucherwelpe war eine zweite Wölfin. Sie wild aussehend lassende, schlammfarbene Fellmarkierungen schmückten das eigenwillige Antlitz. Später noch, nach ihrer Überantwortung in liebe Hände nach Gerstheim, blieb sie mir das schönste der vier Welpen. Mit ihr gab ich die Betörendste im Liebkosen als erste aus meiner fürsorglichen Obhut. Uns blieb die ereignisreiche Versorgung der verbliebenen Rabauken, die mir täglich mehr ans Herz wuchsen als mir lieb war. Durch klirrenden Frost erstarrte Tage und Nächte bedeuteten Lebensgefahr für alle vier. Dank Martins leichtem Schlaf konnte mehr als ein Erfrierungstod verhindert werden. Für ihn waren es ereignisreiche Einsätze, für die Welpen waren es nächtliche Erkundungsreisen außerhalb ihrer Hütte. Er hörte ihr lautes Rufen und Heulen um Errettung direkt unterm Schlafzimmerfenster. Ella's Unfähigkeit die Welpen wieder in die Hütte zurückzutragen blieb uns ein Rätsel. Für uns alle wesentlich entspannender jedoch, war die zweimal tägliche Fütterung der überall rundlichen Welpen, das einmalige der Wölfinnen, sowie das ständige der 'samtpfotenen', ofenanbetenden, vierbeinigen Etagenbewohner. Dazu das Reinemachen der umzäunten zehn Ar. All dies beanspruchte einen Großteil an Zeit.
Sven,
zum Glück ebenfalls mit diesen
Wesen vertraut, ihm waren ebenfalls Gefühlregungen und Freude über
diese sich stets neu Artenden anzusehen. Tag für Tag stellten sich uns
neue Artisten und bessere Akrobaten vor. Das Interesse an diesen von
der Schöpfung neu Entworfenen nahm zu. Nachfragen nach ausreichend
Grundstück und Einsatzbereitschaft ihrer Haltung, sowie über Kenntnisse
bezüglich ihrer erst nach zwei Jahren erreichten
'Volljährigkeit waren vonnöten; besonders bei weit entfernt
erhaltenen Anfragen. Ob Welpen oder junge Hunde, bis sie im spielerisch
lernenden Rudelaustausch ausgelernt haben, wie auch beim Menschen, es
dauert eben 2 Jahre, bis man sie gezielt erzieherisch einsetzen kann.
Obgleich fehlenden Stammbaumes unterschieden sich zwei
Schwarzweiße mit Husky-Fellzeichnung von
Audifax. Freddy, seine spätere Überantwortung an
einen, in den Vogesen lebenden, jungen Elsässer, der ihn spontan
umarmte, war schwer. Auf den Armen dieses Mannes, schluckend und mit
feuchten Augen, verabschiedete sich dieser mir noch unbekannte Hund.
Ich erfuhr von seinen freien Ausläufen über Wiesen, Gräben und durch
Wälder. Er hatte das Glück, seinem Naturell entsprechend frei zu
leben. Ella litt eine ganze Woche Abschiedsschmerz und
verweigerte mir jegliche Zärtlichkeit ihrerseits.
Diesen
Blicken hieß es seither täglich
standzuhalten. Für mich jedenfalls, um sie nicht ständig mit
Zärtlichkeiten zu versehen, die sie durchaus mochten, und ihrem
späteren Umgang mit Menschen dienlich waren. Unbeobachtet taten sie
untereinander genau das, wozu es mir bei ihrem Anblick immer zumute
war. Zärtlichkeiten austauschend umklammerten sie sich gegenseitig. - Die
allabendliche Fütterung war ein Ritual. Neben der Muttermilch
gab's schon sehr begehrte Babynahrung aus Futternäpfen, die man ihren
Hundeschnauzen sogleich ansah. Danach folgte der, der Reihenfolge nach
strikt festgelegte, Verdauungsschlaf auf Martins langgestreckten
Beinen. Vor dem Bäuerchen war kein Entkommen. Für H'Ely war das die
schönste Zeit des Tages. Jetzt hatte sie ungehinderten Zugang zu den,
ihren eigenen Muttertrieb anregenden Neuankömmlingen. Um nicht den
ganzen Keller in Mitleidenschaft dieser noch nicht Stubenreinen zu
ziehen, stellten wir eine Holztafel als Raumteiler auf, hinter der das
Fenster zu Mama Ella's weitläufigen Zwinger hinaus führte. Ansporn
genug dieses Hindernis durch Anspringen und Klettern zu überwinden.
Ausgewachsen wurden alle viere hervorragend im Hochsprung!
Für Ella war diese kurze Zeit der Trennung der Horror. Sie erbrach ihr
eigenes Futter, um außer ihrer Muttermilch noch etwas für sie zu haben.
Weiter auf meinem Weg
unter freiem Horizont vorbei an abgeernteten Feldern, erstreckte sich
mir eine noch weiter gewordene, offenere Weite. Seht ihr diese meine
Wahrnehmung der warmen Erdfarben wie durch einen Goldfilter? Diese von
Sonnenstrahlen zur Wärme erleuchteten, vor mir auslaufenden
Ackerschollen bis hin zu den geliebten Kämmen der Blaudunstigen. Eine
nur scheinbare Begrenzungslinie zwischen Himmel und Erde vollzog den
Wechsel der warmen Erdfarbtöne hin zu den kalten sphärischen
in perlmuttartigem Pastell. Im Ausharren dieser Auen lag schon die
Ermutigung auf erneutes Erwachen des nächsten, grellen Grüns. Wie als
Zusage, dass diese Schöpfung mich zwischenzeitlich umfangen hielt und
weiterhin trägt. Diese Frostperiode brachte genügend Lichttage aus dem
blauen Erdenrund hervor, ehe die alles bewegenden Winde wieder Einzug
hielten. Sie befreite eine 70 cm tief gefrorene Erdschicht vom Eis.
Doch wozu? Um in unbeirrtem Getöse über die Felder zu heulen, oder im
Ächzen und Pfeifen den Boden nässenden Regen anzukündigen? Mein
Erlebnis glich etwas dem Hauptfluss dieser gewässerreichen Landschaft;
es bot mir Grenzüberschreitendes. Ella erlitt einstweilen
schweigend ihre drei zugefügten Trennungen. Sich auf ihr
letztes Welpe konzentrierend, versagte sie mir eine Woche lang
unbeschwerte Spielen mit ihr. Ich hatte ihre friedliche
Botschaft wohl verstanden.
Dem Winter, diesem garstigen 'Auskehrer der Natur' und ihren Lebewesen, durfte ich ein weiteres Mal zur Wachablösung an das sprießende Leben folgen. .....abermals vor einem, mein Leben bereichernden Herbstbeginn in der Rheinbetttalsenke, erinnere ich mich mit Wehmut all dieser unwiederbringlichen Erlebnisse. Wer weiß, vielleicht ausgelöst durch die Farbspiegelungen abgeernteter Maisfelder, Freddies Farbschattierungen gleich. Oder gar durch die nach Nässeperioden im Schlamm der Traktorfurchen hell aufleuchtenden Welschkornblätter; in deren Farbtönen sich Audifax im Lauf noch hätte tarnen können. - Im dankbaren Annehmen tat ich es den Vierbeinern gleich. Genannter Nachbar mit gut abgerichteten Labradorrüde setzte unser freundliches Nachbarschaftsverhältnis wieder fort. Es ist ein innigeres geworden, seit ihm das volle Ausmaß dieses Vorfalles bekannt wurde. - p.s.: Mein Tierarzt musste aus Bereitschaft heraus zumindest Ella in keinem Tierheim einschläfern. Dies erfolgte noch früh genug, auf den Monat genau, und beinahe auf den Tag ihrer Ankunft genau, nach 8 Jahren purer Lebensfreude mit ihr, bedingt durch einen Tumor. Ihr blitzte der Schalk aus den ungleichen Augen wenn's ans Laufen, Radeln, Schwimmen im Kanal wie in den Bergseen ging; und besonders dann, wenn wir sie auf vereisten Pfaden in den hohen Pulverschnee begleiteten. Lange Tagestouren quer durch die Vogesen steckte sie zu jeder Jahreszeit gut weg. Gebirgsbäche liebte sie und lief nur auf den vom Pflanzenschleim polierten Steinen, auch um mich ebenda hineinzuwerfen, nur um diese ihre irre Freude daran mit mir zu teilen. Ohne sie gäbe es die Seite Audifax nicht. Freddy den schönen rotbraunen, ihren Liebling, habe ich bis heute nicht wiedergesehen. Mit Audifax (heute Lara) gab's einen Treff auf dem Lahrer Langenhard, zusammen mit ihren eigenen, einstigen Welpen. Sie erlitt dasselbe Schicksal wie ihre Mutter, zeitlich gerade zwei Monate vor dieser. Charly (heute Scotty) lebt wohl behütet in Schmieheim. Amanda zwang uns durch ihre Kletterkünste zu jahrelangem Ziehen grüner, bissfester Metallzäune, oft über 2 m hoch. Radeln mag sie nicht so gern, dafür liebt sie die Vogesen und den tiefen Schnee. H'Ely & Ella hatten einen gefährlichen Kampf, den ich aus Unachtsamkeit mit den Zwingertoren zu verantworten hatte. Als ich es endlich bemerkte floss viel Blut. Ich hielt nicht lange stand die beiden mit ausgestreckten Armen zu trennen. Vom Hilferufen versagte mir die Stimme. Meine Kleidung war von ihrem Blut durchtränkt. Während Schaulustige regungslos am zweiten Eingangstor verweilten kam endlich Hilfe. Es waren besagte Nachbarin mit ihrem, zwischenzeitlich tödlich verunglückten, Sohn. Hätte sie mir nicht eine der beiden mit kräftigem Griff entrissen um sie wieder in ihren Zwinger zu bringen, hätte ich H'Ely nicht mehr helfen können. H'Ely's Wunden an Hals, Nase und Schädel verheilten unglaublich schnell. Amanda reinigte nacheinander beide vom Blut. Wenn Erfolg bei den Menschen Überleben bedeutet, ist diese Rivalität zu verstehen. Sie teilten sie sich, mit ruhigerem Gemüt: 10 Ar Grundstück, regelmäßigen Auslauf an der Metallbügelfeder des Mountainbike und an der Leine auf unseren zahlreichen Bergtouren, mit Vorliebe beim Schneeschuhlaufen. Bald darauf, bei einer solchen in den Vogesen oberhalb von Barr beschützte mich Ella. Dies tat sie, mich herumreißend warnend vor dem zuvor von mir ertappten, mich daraufhin unbemerkt verfolgenden Autodieb. Sie stoppte ihn ebenso angriffslustig, nur wesentlich aggressiver. Dieses Verhalten an ihr beobachtete ich nie wieder; doch seit diesem Vorfall ließ sie, wenn wir alleine unterwegs waren, keinen mehr auf gleicher Höhe den Weg passieren. Ihre Aufnahme inklusive Welpen war nicht nur in diesem Fall Bereicherung per Schicksalsmacht. - Jetzt wisst ihr weshalb ich sie Wölfe nenne, meine Huskys mit und ohne Stammbaum.
(Jean-Pierre Blondé, Tierheim Lièpvre, Mitte März 1997 im Interview mit Christophe Fifre D.N.A./Strasbourg) Websuchseite + -liste für VERMISSTE TIERE in der Ortenau: e-mail: Vermissen Sie ein Tier? Geben Sie kostenlos eine Suchanzeige in der Ortenau auf.
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