Audifax    

der Horizont der OberrheinebeneEnde September hatten die links- wie  rechtsrheinischen Bauern den fruchtbaren Boden von den die Sicht versperrende, von  Monokultur bestimmte, Maisfelder bereits abgeerntet. Ein Geruch von Fäulnis entstieg frisch aufgepflügter Erde, mischte sich unter die Herbstwinde. Mit ihrer von Regengüssen begleiteten Kälte mahnten sie mir die bevorstehend lichtarme Jahreszeit an. Das grüne, hohe Welschkorn jetzt auf golden spießende Bodenstümpfe der sattbraunen Erdschollen reduziert, gab mir wieder die Sicht frei auf meinem Ausgang. Nachbarn, die zuvor täglich auf einen Plausch in ihren Gemüsegärten anzutreffen waren, zogen sich zurück in ihre Häuser. Goldene Herbsttage verabschiedeten einen weiteren Sommer hier in den Riedauen, nahe dem Taubergießen. Die vom Wind gestreichelten Wellen des in seinem künstlichen Verlauf gezähmten Rhein blendeten mich silbern spiegelnd im Sonnenlicht. Mit der endlosen Weite der Rheinebene verlor er sich und seine Uferbegrenzung gerade im atmosphärischen Graublau. Ob nach Süden oder Norden, ein in Pastellfarben schimmernder Horizont umriss die so sehr vertrauten Blaudunstigen mit ihren nur scheinbar runden Gebirgskuppen. Ihre beidseitigen, aus aufgewölbten Gesteinsmassen durch eine kontinentale Erdplattenwanderung entstanden Kämme, betten eben diesen Erdgrabenbruch unter meinen Füssen ein. Ihre Gipfel und Bergrücken, ob im Schwarzwald oder in den Vogesen, sind mir gut vertraute Refugien. Mein stetiger Ausgangspunkt befand sich nahe dem, von Vulkanmagma geformten, Kaiserstuhl. Eine Insel im Vulkanmassiv einst durch Erkalten geboren und Teil des vom Rhônetal her ausgestreckten Oberrheingrabens. Gleich den seltenen Orchideen fand ich hier, trotz jahreszeitlichen Feuchtnebelbad, den ganzjährig den wärmsten Ort.  

Gerade an diesem Tag meiner täglichen Ausgänge mit meiner Wölfin H'Ely bewegte mich bevorstehend Neues. Es waren die Reisevorbereitungen, auf eine Einladung hin, in den, seit meiner Geburt bis 1989, abgetrennten Teil der Republik. Einem erst seit sieben Jahren frei zugänglichen Teil der annektierten, rechts-rheinischen Republik, seit dem Fall der Berliner Mauer. Zunächst orientierte ich mich im Nachlesen über die geographische und geologische Situation des industriell bereits gut entwickelten Vogtlandes. Ich wollte vorbereitet sein, auf dieses mir bislang fremde Land der Sachsen. Die Verschiedenartigkeit der Völker soll durch deren Landschaft bedingt sein. Es war mir keineswegs gleichgültig welche Umgebung dieses Volk prägte. Weitere Vorbereitungen zur Abreise bestanden darin, meinen im Haus integrierten Vierbeinern eine sie liebevoll versorgende Aufsicht zu arrangieren. Im Weitergehen, halbwegs nur geradeso an der langen Lederleine mit dahin gezogen, fühlte ich mich - ohne es bemerkt zu haben - eins mit dem Rhythmus der vorbeiziehenden Schäfchenwolken. Was wollte ich mehr. Unter diesem allumfassenden Pastell verloren sich Alltagssorgen und Zwischenmenschliches. Der Wind ließ mich mit jeder seiner Launen Freiheit spüren. Vom Rheindamm aus begann ich gedanklich beide dieser meiner Welten wahrzunehmen. Hier ist Treffpunkt aller Grenzüberschreitenden. Noch schaukelte die erste, alte Motorfähre sorgsam die ihr zur Überführung anvertrauten Fahrzeuge von einem Rheinufer zum anderen. Auf dieser Rheinüberquerung hatte sowohl der gestresste Berufsreisende, wie der entnervte Urlaubsreisende eine aussichtsreiche Zwangspause vom Gaspedal. 

 

 

 

 

 

Am Teilhaben dieser Dreiländereck-Annährerungen, die gewöhnlich in drei Sprachen abliefen einschließlich des badisch-elsässischen Dialekt dieser Alemannen am Oberrhein, fand ich Gefallen. Die Überfahrt überraschte stets mit einer der meisten Fremden ungewohnten, sichtlich anrührende Beschaulichkeit. Eröffnete sich diese meine Sicht ebenso den fast täglich 53.000 Elsässer, die hier zu ihren rechtsrheinischen Arbeitsstellen pendelten? Sie fuhren durchs gegenüberliegende Naturschutzgebiet Taubergießen, mit seinen vor dem Orkanschaden Lothar noch nicht vernichteten, üppigen Auwaldbestand, oder sie kamen von dort. Aus mir vertrauten Riedwälder, genährt durch einst mineralstoffreiche Lößstürme, und deren in fruchtbaren Gewässern mit mächtigen Ablagerungen verstummten, einstige Quellen, den Gießen. An diesem Grenzstrom wurde ich dem futuristischen Traum großer Geister aus den 20er Jahren dieses Jahrhunderts endlich gerecht, ich war europäisch. Wäre ich noch berufstätig gewesen, wie diese pendelnden Grenzgänger, hätte ich mit ihnen so den Rhein überquert, mit und seit den europäischen Verträgen von 1992. Das Pendeln jedoch blieb mir mit all diesen Menschen gemein, sei es in der Wahl meiner Landschaftsstreifzüge oder kulturellen Interessen. Unter der Schiffsantriebsschraube der Rheinfähre lagern die der Eiszeit entstammenden Kies- und Sandablagerungen. Am Ufer unweit der Motorfähre, vom Kieswerk aus, betrieb man die Verladung per Förderband auf die Lastkähne der Binnen-Rheinschifffahrt. Hinter mir und vor mir wucherte üppig sein ihn beidseitiges Schilfried. Urige Sumpf- und Auenlandschaften im Mischwaldbestand entstanden im Schutze zahlreicher Rheinausläufer. Markant seine, von hohen mit Lianen umgürteten, die Linksbeuge nach Norden flankierenden Pappeln. Von hier nach Süden, in Quellrichtung der Wetterscheide des schweizerischen Gotthard-Massivs und in Richtung des Dreiländerecks, verbirgt der Rhein auf seiner 1.325 km langen Strecke seine beinahe letzten 1600 ha von Menschen unberührter Natur. 

 

 

 

 

 

Bis heute, meines vierten Jahres hier, in den letzten drei Jahren vor der Jahrtausendwende, kehrte ich von meinen Streifzügen hierher zurück. In eine Zwangsgemeinschaft von Häusern, all der hier möglichen Stilrichtungen und Verputzfarben. Ob teilweise renoviert oder neu aufgebaut, stets zogen sie meine Aufmerksamkeit auf sich. Ihr Baugrund war einst Teil des dadurch vernichteten Schilf- und Moorgebietes. Dem ursprünglich doppelt so langen Altrhein mit seinen verbliebenen Zeugen, den heutigen Kanalausläufern der Gießen. Die "Stockelbure", so berichtet die Straßburger Chronik, haben diese Rheinbiotope vor etwa 2000 Jahren mühsam trocken gelegt mit ihrer Pfahlbauzivilisation. Zu der Zeit, als die Römer nördlich davon dessen heutige Hauptstadt "Argentoratum" erbauten. Wer kennt die hiesige, durch reichlich vorkommende stille Gewässer begünstigte Stechmückenplage? Erst am "Amazonas des Oberrheines" lässt sich diese damalige Plackerei spürbar vorstellen. Mit diesem Spätsommer war die besagte Mückenplage ebenfalls überstanden. Ich hielt sie stets für den Preis des hier unbefugten Wohnens hier am elsässischen Rheinufer, im "quel beau jardin"! Mannigfaltigkeit einzigartiger Landschaften auf nur 40 km Entfernung. Ich bewohne ein europäisches Unikat reich an natürlichen Umwelten, bedingt durch seine geographisch zentrale Lage und deren wechselnden Klimaeinflüssen. Ihr kennt das Geheimnis seines milden Klimas! Der talwärts wehende Traubenkocher, der Vogesenföhn am Oberrhein. Die Wolken sammeln sich erst am Schwarzwald wieder, um dort abzuregnen. Von den Rheinufern bis zu den Vogesengipfeln überquere ich der Reihe nach üppige Rheinauenwälder, blühende Stoppelfelder, oft bis zur Fahrstrasse periodisch überschwemmte Riedauen (der Landwirtschaft zuträgliche Lößterrassen), besonnte Weinberge (das Piémont der Vogesen), weitläufige Eichenwälder, Vogesentannen und höchst alpine Gipfel. Ist es das was ich so liebe, und was mir Fernweh fernhält? 

Über das Fichtelgebirge ins Vogtland einreisend, betrat ich erstmals diesen entmilitarisierten Teil. Hätte ich nicht diese Einladung als Anlass gehabt, wäre zuerst das bislang aufgeschobene Riesengebirge mein östliches Ziel gewesen. Es sollte sich so ereignen... Den drei Hauskatzen fiel diese Zeit der vorübergehenden Abwesenheit vorerst nicht schwer. Ein Perserpaar verbrachte die Zeit mit viel Schlaf, und dem üblichen 'Warten auf...'. Die integrierte Straßenkatze Baba erinnerte sich dabei ihrer Hungerszeit, und achtete am Fenster wartend auf zeitige Verpflegung. Meine täglich an 90 Minuten Auslauf gewöhnte Husky-Hündin H'Ely war rechtsrheinisch bei meinen Eltern untergebracht. Ihr erster Aufenthalt in einem Hundezwinger schnitt ihren üblich gewohnten Freiraum ein, und war nur durch gute Häppchen zu belohnen. Zur gleichen Zeit zu Hause, wohl kaum zufällig, trieb sich eine Hungrige gleicher Hunderasse frei um die Häuser. Ob gerade auf der Straße, oder in den gegenüber liegenden Feldern, meine Nachbarn hielten sie stets für die meinige. Ihrem Trieb folgend, beliebig frei darin, ob es ihr nun nach Hundefutter der besorgten Nachbarn, oder der allzu verlockenden Jagd auf Fasanen, Wild und Feldhasen zumute war, löste sie die erregte Besorgnis der Nachbarn aus. Für sie war die Ähnlichkeit mit H'Ely eben gleich auch dieselbe meine Wölfin. Beim Auftauchen dieser zutraulich wie freundlichen Neuen Husky-Hündin begegnete ihnen zumindest, so nur immer nur die zu Hause allein zurück gelassene H'Ely der eben verreisten Nachbarin. So ließen sie es auch nicht an der gemeinsamen Sorge um ihr Wohlergehen fehlen. Arglos setzten sie diese streunende, stets futtersuchende Fremde, wieder und wieder auf das Grundstück zurück; was mühselig war, denn das hoch geschwungene Eisentor war verschlossen. Diese zwängte sich darauf wieder durch die zur Sonne angeordneten Gitterstäbe in ihre geschätzte Jagdfreiheit. Gemeinsam beschlossen sie nun, diese vorerst über Nacht bei einem Nachbarn mit ausreichender Umzäunung festzuhalten. Was weiter nicht schwierig war, denn diese offensichtlich Herrenlose kam seither regelmäßig zur Futterabnahme vorbei.

Zwischenzeitlich füllte mein Nachmittag die Häuservielfalt von Industriegebäuden mit beträchtlichem Straßenlärm. Meine erste Reise bei der ich Heimweh hatte. Ungeniert fragte ich mich durch bei Alt und Jung, wobei sich beide gleich gern auf ein kleines Gespräch einließen. Meine Gastgeber luden noch vor der Rezession ein zum erreichten wirtschaftlichen Aufschwung mit Empfang in neu modernisierten und automatisierten Räumen. Ich hatte meine Schwierigkeiten dieser Euphorie zu folgen, die dabei zu vieles in den Hintergrund geraten ließ. Frei über ihren Alltag berichtend, verfolgte ich die Probleme dieser neuorientierten Sachsen. In ihrer Zeit der wogenden Wellen, entging mir nicht die Herzlichkeit im Austausch. Schwieriger hatte es dabei meine Galle mit den herausfordernden Mahlzeiten. Einige der offenen Gespräche beschäftigten mich bis zu meiner Abreise und darüber hinaus. Auf der Rückreise erfuhr ich per Handy vom seltsamen Fund der empörten Nachbarn. So etwas sei doch wirklich nicht meine Art gewesen. - Dies ereignete sich schicksalhaft, noch während ich den Eindrücken des anmutig hügeligen Vogtlandes und deren menschlichen Berührungen erlag. In Gedanken noch bei den dort zurück gelassenen menschlichen Begegnungen, dieser von Umwälzungen gestressten Bewohner bestimmten die siebenstündige Ab- und Heimreise. Einblicke in bislang Unzugängliches, bei bereits einschleichender Inflation mit Massenarbeitslosigkeit, gekoppelt an Staatsverschuldung und verordneter Globalisierung, die dennoch noch nicht sichtbar war. 

H'Ely - husky sibérienZu Hause angekommen, blieb mir kaum Zeit zur ersehnten Erholung. Schon läutete der älteste meiner Nachbarn. Als ich ihm öffnete, begrüßte er meine unverwechselbar schön gezeichnete Husky-Wölfin. Dabei konnte er noch immer keinen Unterschied erkennen. Erregt beschuldigte er mich, diese sorglos ihrem Schicksal überlassen zu haben. Auf meinen Versuch hin, ihm auf Französisch zu antworten, denn er ist kein Elsässer, dass diese während der ganzen Zeit außer Landes war, entgegnete er, ich würde ihn zum Narren halten. Zielstrebig lief er auf das Nachbarhaus zu, welches diese Streunende des nachts beherbergte. Mehr als neugierig folgte ich ihm mit H'Ely nach. Meine Nachbarin zur rechten Seite begrüßte mich, wie seit Beginn meines Aufenthaltes hier, stets über einen Austausch erfreut. Im Gegensatz zu meinem Begleiter, erkannte sie sogleich die Verwechslung meiner Gefährtin. Mit einem herzbewegenden Wortschwall auf Elsässisch versuchte sie mir zunächst die peinliche Verwechslung zu erklären. Das missbilligende Erstaunen des unverständlich 'drein blickenden Franzosen jedoch ließ sie in zügigem französisch fortfahren. So müde ich auch war, bot mir dieses Ereignis dennoch Belustigung. Ihr Versuch, meinem Nachbarn die Folgen dieser Verwechslung verständlich zu machen, setzte diesem nur noch mehr Unmut zu. Zu ihm hatte ich bis dahin ein rituell, freundliches Verhältnis. Er, der Besitzer eines korbtragenden Labrador-Rüden, war so im täglichen Vorbeigehen, stets nach der ihn liebenden H'Ely rufend, mit ihr im Bündnis. Aber dieses Gespräch veranlasste ihn bald, aus welchem Ärgernis auch immer heraus, wortlos nach Hause zu gehen. Da tauchte sie plötzlich auf! Wie auf den Ruf folgend. Schnurstracks aus der Straßenecke einbiegend, lief diese "vormals H'Ely" gerufene hungrige Neue zielstrebigst auf meine Nachbarin zu um ihr Abendessen einzufordern. Dahin war sie, die Vorfreude auf meine wohl verdiente Couch. 

Ella, die den Schnee liebteAus Verlegenheit schlug mir meine Nachbarin vor, diese, offensichtlich irgendwo in der Nähe, "Ausgerissene" wieder frei laufen zu lassen. Vierjährige Erfahrung mit der meinigen ließen mich nicht zögern, diese "höchstenfalls Eineinhalbjährige" gut gepflegte, gegen den Willen der restlichen Hausbewohner, vorerst in der im Haus untergebauten Garage unterzubringen. (Ich hatte ja keine Ahnung ehe mich der Tierarzt darüber aufklärte, ehe er mich über noch schlimmeres Nachfolgendes aufklärte, dass sie ausgewachsen sei, und dennoch schon 5 Jahre alt sein kann.) Übermüdet versicherte ich meiner Nachbarin, dass dies bei dieser Hunderasse nötig wäre. Bereits acht Tage freie Feldjagd versagen diesem Naturell stolzer Blauäugiger jede weitere Anpassung an den Menschen ohne Wolfsgeheul. Dafür hatten wir jetzt das Wolfsgeheul bis in die Morgenstunden, direkt unter unserem Schlafzimmer. Hinzu kam die Trotzreaktion meiner, stets an volle Aufmerksamkeit gewohnte, sehr blauäugigen Gefährtin. Die ihrerseits keine Zeit verlor den Neuankömmling unter drohendem Knurren, und mit einem mir unbekannt feindlichem Zähneblecken zu begrüßen. Eifrig, wenn auch erfolglos, benachrichtigte ich das zuständige Polizeirevier und Tierheim, sowie alle umliegenden Gemeindeverwaltungen. Bis dahin sollte sich niemand für diese liebkosende Verwaiste interessieren. Die Versorgung der Vierbeiner artete regelrecht in Arbeit aus. Das Grundstück war groß genug, die Rivalität der beiden war ebenso groß. Mit eisblauem Blick versuchte nun eine jede ihrerseits meine Zuwendung zu erzwingen. Das Ergebnis ihrer Bemühungen war, dass ich beide anketten musste, um grausig fletschende, nur auf ihre Nacken gezielten Bisse zu verhindern. Residierend und so auf ihren Auslauf wartend teilten sie sich die vom Altweibersommer erwärmte, langgezogene Sandsteintreppe mit Straßenblick. Dieses Los teilten sie bis zur Fertigstellung der, bald darauf, groß angelegten Grundstücksabtrennung.

die regionale Mais-Monokultur, das Welschkorn Meine Nachbarschaft beriet sich weiterhin. Meine Nachbarin drängte mich dazu, diesen Neuzugang unbedingt in das Tierheim von Lièpvre zu geben. Im Straßburger bereits angemeldet, hätte man sie auch aufnehmen müssen. Telefonisch teilte man mir jedoch die *Erleichterung darüber mit, dass ein noch längerer Aufenthalt bei mir möglich sei. (*Die mir erst später durch ein Gespräch mit meinem Tierarzt verständlich werden sollte.) Eine Tätowierung besaß sie nicht, dafür menschliche Berührungsängste...; wie so viele im Straßburger Tierheim, erst letztes Jahr, von mir dort besuchte Opfer einst menschlichen Interesses. Tatsache war bei aller Zutraulichkeit ihrerseits, sie nur ja nicht mit den Händen und von vorne zu berühren! - Sich unübersehbar auf terrassenförmiger Natursteinsonnenbank präsentierend, zogen sie den einzig frei laufenden Verehrer aus der Nachbarschaft an. Er, der eher Unauffällige, alias "Lover", war seit ihrer ersten Begegnung H'Ely's große Liebe. Ihr mittelgroßer, ockerfarbene Held von freier Herkunft war auf der Schnauze ausgezeichnet mit einer Heldennarbe für unermüdliches Zauneinreißen. Um so enttäuschender traf es sie, als dieser Romeo ausgerechnet der ungeliebten Neuen, alias Ella, hofierte. (Mit ihren Grautönen ist sie nicht so auffallend schön gezeichnet wie H'Ely. Ihre Augen sind eben nicht beide blau. Dafür punktet aus ihrer durchaus menschenfreundlichen Gestik ein schalkhafter Blick geziert von plüschig weichen, silbergrauen Mausohren; wie ich diese prächtigen Lauscher von Anfang an nannte.)  Bis ich diesem erneuten, erzwungenen Eindringen auf unserem Grundstück gewahr wurde, entwischte dieser, bereits einen Verweis Ahnende durch die von ihm bearbeitete Zaunlücke. Doch nur, um nach meinem Rückzug gleich wieder vor den höchst Erfreuten zu erscheinen. Eine, zu dieser Zeit noch, ungewollte Trächtigkeit dieser Verliebten ließ sich schwerlich verhindern. Deshalb wieder zu Rivalinnen geworden, in ihrem Kampf um ihn, sich gegenseitig beißend, geriet ich einzig bestrebt das schlimmste zu verhindern, unversehens dazwischen. Ohne das Einschreiten besagter Nachbarin hätte dies schlimme Folgen haben können. Um diesem vormittäglichen Stelldichein ein Ende zu bereiten, zögerte ich in meiner Erregung nicht, die Besitzerin dieses Kavaliers vehement zu dessen Verwahrung zu mobilisieren. 

Mit Ankunft der zweiten Wölfin vergaß ich die Bekümmernisse meiner kleinen Welt, inmitten einer größeren. Mein Unverständnis darüber, dem Menschen abhängige Wesen nach dem Urlaub auszusetzen wie man Konsumgüter entsorgt, vergaß ich nicht. Ein Vorschlag meiner Nachbarin, diese Ausgewachsene doch einem LKW-Fahrer mitzugeben, der davon hörte und sie an einer Grenzstelle nach Luxemburg verkaufen wollte, erregte weiteren Unmut über diese weitere Verantwortungslosigkeit nach ihrem bisherigen Schicksal. So bemerkte ich, dass dieses sprechende Augenpaar mit einer leichten Braunschattierung im linken Auge meine fürsorgliche Zuneigung eroberte. Gegenseitig frei von schlechten Erfahrungen, die sie bereits mit Menschen hatte, verstrichen ihre, von mir nicht wahrgenommenen, etwa 65 Tage Trächtigkeit; die mein Tierarzt sehr wohl bemerkt haben muss, ehe er mich dazu drängte ihr Unterkunft zu gewähren. (Er hatte wieder den Pflichtdienst die in Mode gekommenen, völlig gesunden Husky's einzuschläfern, die länger als 8 Tage in den Aufnahmezwingern des Tierheimes verbrachten, wie ich erfuhr.) Meinerseits Tage mit Wehmut nach den klimatisch einladenderen, denn das Laub folgte nur allzu willentlich dem elften Monat in seine, vom Wind zur Kälte verregneten Tage. Ein jeder Tag mit Sonnenlicht war Grund genug, mich auf die, mit beiden Wölfinnen getrennt vorgenommenen, Flur-Beradelungen vorzubereiten. Saß ich einmal auf diesem Velo mit Vierpfoten-Antrieb, war ich froh darüber diese Pflicht zu haben. Zu keiner anderen Tageszeit war mir die Freude über die, wenn auch ruhende Natur so bewusst. Diese aufeinander Eifersüchtigen entbehrten viel an möglichem Freiraum. Besonders durch die gemeinsame Ankettung an der vom Eisentor bis zur Eingangstür langgezogenen Sandsteintreppe. Zu ihrer Unterhaltung dienten vorbeikommende Nachbarn und stets zum Spaßen und Rufen aufgelegte Kinder. Indessen näherte ich mich diesen letzten Novembertagen mit innerlicher Einkehr und im Vertiefen in lange Zeit schon aufgesparten Themen. 

winterliches Bodenlaubwerk Gerade einen Monat vor Einsetzen des kältesten Winters seit zehn Jahren mit dem einmonatigen Einfrieren dieser erdfarbenen Auen, begann nicht nur der Vollmond bei Mittwinterwende! Am 27. November, ausgerechnet an einem Tag wo man kein Hund vor die Tür setzen würde, überraschte mich mein anhänglich hilfesuchender Neuankömmling mit etwas bislang nicht erahntem. In ihrem neuen, großräumigen Zwingerabschnitt lief sie unruhig mit nervösem Geheule zwischen den beiden Holzhundehütten hin und her. In die eine rein aus der anderen gerade heraus kommend. Ich verstand ihre mich in Angst versetzende Schreie bald besser. In einer der beiden jetzt warf sie ihre vier Welpen in vier Stunden. Mein Angst blieb, denn ich erwartete einen zahlreicheren Wurf. Im Beisein dieses Verhaltens bis zum trocken Lecken erschloss sich mir ein urzeitlicher Kreislauf. Wenige Tage nur gelang es ihr, diese dicht behaarten Knäuel unter ihrem Körper vor mir zu verbergen. Dann gelang es mir doch meine fündigen Hände in das Innere ihrer Hütte, nach ihren bereits zu unterscheidenden Wolfswelpen auszustrecken. Ihre einzige Abwehr, dieser meiner Eigenmächtigkeit, begegnete sie nicht mit Knurren und nicht mit Beißen. Dafür mit beharrlichem Anspringen das meinen Fall zum Ziel haben sollte, um so wieder an ihr geraubtes Junge zu kommen. Im täglichen Verfolgen ihrer kraftvollen Entwicklung vertiefte sich meine Ehrfurcht abermals vor diesem unbezwingbaren Sein. Bereits inmitten dieser Zykluswende der sich zur Wachstumsruhe begebenden Natur, erwartete ich wieder mit der Sonne um die Wette zu strahlen. Ich sehnte mich nach dem auf den, aus den Erdschollen neu ausbrechenden, Frühling. Nur dieses Mal war ich mir des sich selbst bedingende Wunder stets wieder belebender Schöpfung bewusster, dank dieser vielfältig vorgegebenen genetischen Arten und Formen. Innere Dankbarkeit durchströmte mich in diesen Tagen. Tage, auf die ich ebenso wenig Einfluss hatte, wie auf ihre Ursache. Meine Liebe wuchs mit den Welpen, und mit der Liebe meine Gedanken. Eine willkommene Lebenshilfe in meiner gewählten Einsiedelei. Mit einer weiteren, zeitgleichen, der Aufnahme meines 21jährigen 'Patenkindes' Sven, durfte ich diese Lebensfreude teilen. 

 (Audifax mit Freddy)(Audifax mit Freddy) Mein dritter Gast war dieser, seit zehn Jahren wieder, lichtspendende Winter. In ihm erstrahlte meine vorfrühlingshafte Freude über dieses 'sich fügen'. Alles zusammen eine Weihnachtsbescherung, der dieser noch folgende Frostmonat nichts anhaben konnte. - Eindrücke von der Ostreise flossen ein in die Sorgen um aller Zukunft. Würden diese so anmutig blickenden Welpen einmal eine unbeschwertere vor sich haben? Aus der Ferne der Rheinebene, meinen beschriebenen Rheinried-Spaziergang mit H'Ely bereits als schöne Erinnerung in mir, vernahm ich vorfrühlingshaftes Locken mit Kuckucks ähnlichen Taubenrufe, die  das Vogelorchester eröffneten. Die im Vogelsang vereint Jubilierenden, die Spatzen und Meisen, einlogiert auf den rund ums Haus hoch gewachsenen Bäumen und Sträuchern, zwitscherten meine Sinne weckend gegen das unbehagliche Laut der Winterwinde. Erste, klägliche Versuche eines Knurrens und Bellens der Welpen erschütterten ihre wohl geformten Körperchen, ja schienen sogar die Vogellaute zu begleiten. Die beiden Wölfinnen wetteiferten nun in ihrer Sorge um diesen prächtigen, sie einander näher bringenden Nachwuchs. Hie und da schlich sich ein flüchtiger Kuss, den ich nicht sehen sollte, durch den grünen, in Rechtecken angeordneten Drahtzaun; ehe wieder zum nächsten, die Rangordnung erkämpfenden Knurren angesetzt wurde. Die Zöglinge, in dieser Hinsicht weiterentwickelt, sprangen unbeirrt an beiden hoch, um begrüßend deren Schnauzen zu erhaschen. Freddy, der ausgelassenste und Mama Ella's Liebling, zielte dabei stets frech küssend auf H'Ely's Schnauze. Dabei geriet diese derart außer sich vor Freude über dieses Rudel in ihrem Hoheitsgebiet, dass die nun darauf folgenden, erzieherischen Bisse in Brust und Nacken der Welpen uns stets zu grob erschienen. Ich fragte mich dabei immer wieder nur eines, wie könnte dieses Verhaltensmuster: „ich werfe mich dir ergebenst zu Füßen“ begonnen haben ?

Aus sicherer Entfernung, verfolgte Ella diese grundlegenden Erfahrungen ihrer Welpen mit ihrer vom Muttertrieb verwandelten Rivalin H'Ely, wenn auch unter besorgtem Heulen. Sie akzeptierte nur darin das territoriale Rudelmitglied. Wir waren fasziniert von dieser Tollerei. Im spielerischen Beschäftigen der Jungen, bis zu den Geschicklichkeitsübungen für die spätere Jagd im Rudel, erkannte ich bei diesem Mythos ein komplexes soziales Verhalten. In meinem kleinen Umfeld entwickelte sich ein Gefüge, das weiter bestehen würde. Selbst wenn die Bausteine von „Rosamunde“ (wie dessen Vermittlerin unser Haus rosenumpflanztes Gelände nannte) längst zu Staub verfallen sind. Im üppigen Pflanzen- und Tierbestand des Rieds war dieser Mythos längst unumstößlich. Bei den Menschen widerspiegelt er sich mir wohl ein Leben lang als etwas Unfassbares. In allem konnte ich die ihm eigene Entwicklung verfolgen, fragt mich nicht wodurch genau. Die jahreszeitlich wachstumsfördernden Änderungen des Klimas halfen mir dabei diese Strukturen wahrzunehmen. Selbst bis hin zum « Hundewetter » und ungeachtet eines längeren, schwächenden Leidens. Die Anpassungsfähigkeit dieser stolzen Sprinterinnen an uns Menschen, zeigte sich mir besonders im Radeln mit den beiden. Im Beobachten dieser, sich die Fahrradvorrichtung zu eigen machenden, entpuppte sich mein Alltag als vorbestimmter Ablauf. Ihr versteht jetzt, dass dieses Winter-Ereignis gleichzeitig mein Klang stimmender Vermittler war zwischen Natur und Mensch...; und eben nicht zwischen Mensch und Natur.

Zwischenzeitlich ließen sich diese weiteren Neuankömmlinge besser handhaben. 

Freddy, der erste im Wurf war in seiner Fellfarbe der einzig Helle und folgte dieser maskenhaft vorgegebenen Fellzeichnung mehr als eine Laune der Natur. Sein ihm vorgegebenes Fell wechselte von einer zunächst hellbeige sich ins rotbraun färbende Schattierung. Er war Ella's Liebling. Furchtlos im Wesen und flink auf seinen Pfoten war er ihr am ähnlichsten. So rief ich ihn Freddy Frinton. Mit seinen braunen Augen, frech stehenden Ohren und stets zur Seite verweilender Kopfhaltung war er, nach dem zweiten Wurf, der Welpenblickfang. Was würde aus diesem Energiebündel werden, dessen braune Augen seine Fellzeichnung erst so richtig zur Geltung brachte? - Schwarze Tarnungsaufhellung beim zweiten im Wurf. 'Sein' alles herausfordernder, Edelstein gleicher Blick, war mir sinnbildlich für einen Schatzsucher. Joseph Viktor von Scheffel siedelte diesen in seinen Roman 'Ekkehard' im 10. Jahrhundert an. Ohne zu zögern benannte ich ihn nach diesem treuen Hirtenjungen Audifax, der das goldene Regenbogenschüsselchen fand und ungeschliffene Bergkristalle erkannte. Bei Ella's Audifax jedoch, erstrahlte das Augenpaar bestechend eisblau, unübersehbar aus dem sich nach und nach schattierenden und wolfsfarben marmorierten Fell. Täglich mit neuen Facetten dieser Entwicklung konfrontiert, erlagen wir der beschleunigten Abfolge genetisch natürlicher Bearbeitung. Um so überraschter sollte ich bald entdecken, dass eine noch nicht eingewachsene Nabelschnur keineswegs den Beweis für einen dritten Rüden erbrachte. Dieses bis dahin als "Audifax" benannte Schatzsucherwelpe war eine zweite Wölfin. Sie wild aussehend lassende, schlammfarbene Fellmarkierungen schmückten das eigenwillige Antlitz. Später noch, nach ihrer Überantwortung in liebe Hände nach Gerstheim, blieb sie mir das schönste der vier Welpen. Mit ihr gab ich die Betörendste im Liebkosen als erste aus meiner fürsorglichen Obhut. Uns blieb die ereignisreiche Versorgung der verbliebenen Rabauken, die mir täglich mehr ans Herz wuchsen als mir lieb war. Durch klirrenden Frost erstarrte Tage und Nächte bedeuteten Lebensgefahr für alle vier. Dank Martins leichtem Schlaf konnte mehr als ein Erfrierungstod verhindert werden. Für ihn waren es ereignisreiche Einsätze, für die Welpen waren es nächtliche Erkundungsreisen außerhalb ihrer Hütte. Er hörte ihr lautes Rufen und Heulen um Errettung direkt unterm Schlafzimmerfenster. Ella's Unfähigkeit die Welpen wieder in die Hütte zurückzutragen blieb uns ein Rätsel. Für uns alle wesentlich entspannender jedoch, war die zweimal tägliche Fütterung der überall rundlichen Welpen, das einmalige der Wölfinnen, sowie das ständige der 'samtpfotenen', ofenanbetenden, vierbeinigen Etagenbewohner. Dazu das Reinemachen der umzäunten zehn Ar. All dies beanspruchte einen Großteil an Zeit. 

Sven, zum Glück ebenfalls mit diesen Wesen vertraut, ihm waren ebenfalls Gefühlregungen und Freude über diese sich stets neu Artenden anzusehen. Tag für Tag stellten sich uns neue Artisten und bessere Akrobaten vor. Das Interesse an diesen von der Schöpfung neu Entworfenen nahm zu. Nachfragen nach ausreichend Grundstück und Einsatzbereitschaft ihrer Haltung, sowie über Kenntnisse bezüglich ihrer erst nach zwei Jahren erreichten 'Volljährigkeit waren vonnöten; besonders bei weit entfernt erhaltenen Anfragen. Ob Welpen oder junge Hunde, bis sie im spielerisch lernenden Rudelaustausch ausgelernt haben, wie auch beim Menschen, es dauert eben 2 Jahre, bis man sie gezielt erzieherisch einsetzen kann. Obgleich fehlenden Stammbaumes unterschieden sich zwei Schwarzweiße mit Husky-Fellzeichnung von Audifax. Freddy, seine spätere Überantwortung an einen, in den Vogesen lebenden, jungen Elsässer, der ihn spontan umarmte, war schwer. Auf den Armen dieses Mannes, schluckend und mit feuchten Augen, verabschiedete sich dieser mir noch unbekannte Hund. Ich erfuhr von seinen freien Ausläufen über Wiesen, Gräben und durch Wälder. Er hatte das Glück, seinem Naturell entsprechend frei zu leben. Ella litt eine ganze Woche Abschiedsschmerz und verweigerte mir jegliche Zärtlichkeit ihrerseits.

(Huskymutter bei spielerischer Erziehung - Ella mit ihren Rüden Charly & Freddy)(Huskymutter bei spielerischer Erziehung - Ella mit ihren Rüden Charly & Freddy)

Einer der beiden Schwarzweißen und letzte im Wurf, wurde von einer vorab an ihm Interessierten Charly genannt. Er war der gemütlichste Vertreter des Welpenrudels und am leichtesten zu berühren. Er fesselte mich an sich mit seinem unverwechselbaren "jetzt haut es dich um" - Blick: links braun und rechts blau. Charly, mit seinem Menschen irritierenden, von Ella ererbten 'Zweifarbenblick', gab ich später am leichtesten. Sein Abschied fiel mir leichter, weil ich ihn in die Obhut meiner rechtsrheinisch lebenden Cousine geben konnte. Von da an Scotty gerufen, wusste ich ihn nicht verloren. Doch was würde nun aus seinem gleich gezeichneten Schwesterchen werden? Dieser zartfühlenden Amanda mit herzerwärmend braunen Augen mit nachtblauer Iris.

Diesen Blicken hieß es seither täglich standzuhalten. Für mich jedenfalls, um sie nicht ständig mit Zärtlichkeiten zu versehen, die sie durchaus mochten, und ihrem späteren Umgang mit Menschen dienlich waren. Unbeobachtet taten sie untereinander genau das, wozu es mir bei ihrem Anblick immer zumute war. Zärtlichkeiten austauschend umklammerten sie sich gegenseitig. - Die allabendliche Fütterung war ein Ritual. Neben der Muttermilch gab's schon sehr begehrte Babynahrung aus Futternäpfen, die man ihren Hundeschnauzen sogleich ansah. Danach folgte der, der Reihenfolge nach strikt festgelegte, Verdauungsschlaf auf Martins langgestreckten Beinen. Vor dem Bäuerchen war kein Entkommen. Für H'Ely war das die schönste Zeit des Tages. Jetzt hatte sie ungehinderten Zugang zu den, ihren eigenen Muttertrieb anregenden Neuankömmlingen. Um nicht den ganzen Keller in Mitleidenschaft dieser noch nicht Stubenreinen zu ziehen, stellten wir eine Holztafel als Raumteiler auf, hinter der das Fenster zu Mama Ella's weitläufigen Zwinger hinaus führte. Ansporn genug dieses Hindernis durch Anspringen und Klettern zu überwinden. Ausgewachsen wurden alle viere hervorragend im Hochsprung! Für Ella war diese kurze Zeit der Trennung der Horror. Sie erbrach ihr eigenes Futter, um außer ihrer Muttermilch noch etwas für sie zu haben.

(Hund & Katz : Baba hofiert von H'Ely) Die Nachbarschaft blieb weiterhin interessiert am Schicksal dieser Gemütserreger. Mir Mut machend, scherzten sie gar mit der These, dass diese "Straßenkinder" sich gegenseitig meine Adresse austauschten.... Vor vier Jahren schaffte es, die dem Perserpaar heute integrierte, Katze Baba gerade noch bis zur Haustür. Was sich mir da vorstellte war mehr als ein schwarzweißes Kätzchen mit kecken Farbtupfern auf der Nase. Mehr als ein vom Hunger aufgequollenes Geschöpf mit smaragdgrünen Augen. Und mehr als ein Zeitvertreib für rote Halsbändchen mit Glöckchen, wie sie eines mitbrachte. Sich uns anpassend entwickelte sie sich ihrerseits zum eigenwilligsten Wesen ihrer Art in unserer Umgebung! Sie entschied sich freiwillig für das Kollektivrudel Rosamunde, sie hätte Möglichkeiten genug gehabt dieses zu verlassen. Sie ließ sich ganze zwei Jahre lang nur von hinten liebkosen, ehe sie dieses Sozialritual ab dann täglich selbst einforderte. Ja sogar auf eine gut hörbare Weise und eine sich dem Menschen kommunikativ durchaus anpassungsfähige. Welch ein Glück für sie und uns, dass unsere ebenfalls schwarz-weiß gezeichnete H'Ely sie noch im Welpenalter kennen und lieben lernte. Ich war mir der Eigenverantwortung dieser Aufnahme stets bewusst. Was war es, das sich mir dankbar vertrauend in den Augen dieser Zöglinge widerspiegelte, und half mir in meinen Bedenken? War es die unwahrscheinliche Anpassung einer aus Hunger derart wild gewordenen Straßenkatze? War es die Tatsache, dass sich eine mir fremde Wölfin ihre Jungen von mir entreißen ließ? -  Aus dieser Zwangsgemeinschaft aller erwuchs immerhin ein 'Verstehen zwischen den Arten'.  

Weiter auf meinem Weg unter freiem Horizont vorbei an abgeernteten Feldern, erstreckte sich mir eine noch weiter gewordene, offenere Weite. Seht ihr diese meine Wahrnehmung der warmen Erdfarben wie durch einen Goldfilter? Diese von Sonnenstrahlen zur Wärme erleuchteten, vor mir auslaufenden Ackerschollen bis hin zu den geliebten Kämmen der Blaudunstigen. Eine nur scheinbare Begrenzungslinie zwischen Himmel und Erde vollzog den Wechsel der warmen Erdfarbtöne hin zu den  kalten sphärischen in perlmuttartigem Pastell. Im Ausharren dieser Auen lag schon die Ermutigung auf erneutes Erwachen des nächsten, grellen Grüns. Wie als Zusage, dass diese Schöpfung mich zwischenzeitlich umfangen hielt und weiterhin trägt. Diese Frostperiode brachte genügend Lichttage aus dem blauen Erdenrund hervor, ehe die alles bewegenden Winde wieder Einzug hielten. Sie befreite eine 70 cm tief gefrorene Erdschicht vom Eis. Doch wozu? Um in unbeirrtem Getöse über die Felder zu heulen, oder im Ächzen und Pfeifen den Boden nässenden Regen anzukündigen? Mein Erlebnis glich etwas dem Hauptfluss dieser gewässerreichen Landschaft; es bot mir Grenzüberschreitendes. Ella erlitt einstweilen schweigend ihre drei zugefügten Trennungen. Sich auf ihr letztes Welpe konzentrierend, versagte sie mir eine Woche lang unbeschwerte Spielen  mit ihr. Ich hatte ihre friedliche Botschaft wohl verstanden. 

Amanda, eine der beiden weiblichen Welpen von vier Amanda aus dem Schwarzweiß-Duo veränderte sich täglich. In ihr setzte sich die, im Erbgut angelegte, Husky-Maske durch. Auf Schnauze und Rücken ließen sich bereits Aufhellendes erkennen. Um das Nesthäkchen an die Hauskatzen zu gewöhnen, durfte Amanda abends ab und zu im Einzugsbereich der Etagenbewohner spielerisch interessiert umherwedeln. Ich erkannte an ihr dabei die 'H'Ely gleiche', ihr vorgegebene Form der Fellmarkierung. Angefangen vom dichten, samtweichen Fell bis zu den weiß abgefütterten, schwarzen Ohren, dem zur Rolle angelegten Schwanz, und die Zeichnung dieser typisch geformten Hinterläufe. Mit den ersten Märztagen erblühten die die Schneeglöckchen abzulösenden Krokusse. Noch befand sich knospenhaftes Fliederblattgrün im Wettbewerb mit blühendem Forsythiengelb. Veilchen und Gänseblümchen teilten sich die artenreich bewurzelte Grünfläche. Während sich Hyazinthen, Narzissen und Tulpen damit abmühten ihre grünen, noch geschlossenen Blütenknospen aus der feuchtwarmen Erde zu treiben. Blatt um Blatt, gefolgt vom wohltuenden Grün der Iris und Sumpflilien. Sonnenstrahlen durchfluteten das ganze Haus. Warme Winde verlockten wieder zu Gartenarbeit, Wanderungen und Radtouren. Das inzwischen durch grüne Metallzäune kaum sichtbar unterteilte Grundstück beheimatet nun beide, dieser sich manchmal auch küssenden Wölfinnen mit ihrem verbliebenen Nesthäkchen. Trotz Nachfrage wollte Martin sie nicht weggeben.

Dem Winter, diesem garstigen 'Auskehrer der Natur' und ihren Lebewesen, durfte ich ein weiteres Mal zur Wachablösung an das sprießende Leben folgen. .....abermals vor einem, mein Leben bereichernden Herbstbeginn in der Rheinbetttalsenke, erinnere ich mich mit Wehmut all dieser unwiederbringlichen Erlebnisse. Wer weiß, vielleicht ausgelöst durch die Farbspiegelungen abgeernteter Maisfelder, Freddies Farbschattierungen gleich.  Oder gar durch die nach Nässeperioden im Schlamm der Traktorfurchen hell aufleuchtenden Welschkornblätter; in deren Farbtönen sich Audifax im Lauf noch hätte tarnen können. - Im dankbaren Annehmen tat ich es den Vierbeinern gleich. Genannter Nachbar mit gut abgerichteten Labradorrüde setzte unser freundliches Nachbarschaftsverhältnis wieder fort. Es ist ein innigeres geworden, seit ihm das volle Ausmaß dieses Vorfalles bekannt wurde. - 

p.s.: Mein Tierarzt musste aus Bereitschaft heraus zumindest Ella in keinem Tierheim einschläfern. Dies erfolgte noch früh genug, auf den Monat genau, und beinahe auf den Tag ihrer Ankunft genau, nach 8 Jahren purer Lebensfreude mit ihr, bedingt durch einen Tumor. Ihr blitzte der Schalk aus den ungleichen Augen wenn's ans Laufen, Radeln, Schwimmen im Kanal wie in den Bergseen ging; und besonders dann, wenn wir sie auf vereisten Pfaden in den hohen Pulverschnee begleiteten. Lange Tagestouren quer durch die Vogesen steckte sie zu jeder Jahreszeit gut weg. Gebirgsbäche liebte sie und lief nur auf den vom Pflanzenschleim polierten Steinen, auch um mich ebenda hineinzuwerfen, nur um diese ihre irre Freude daran mit mir zu teilen. Ohne sie gäbe es die Seite Audifax nicht.

Freddy den schönen rotbraunen, ihren Liebling, habe ich bis heute nicht wiedergesehen. Mit Audifax (heute Lara) gab's einen Treff auf dem Lahrer Langenhard, zusammen mit ihren eigenen, einstigen Welpen. Sie erlitt dasselbe Schicksal wie ihre Mutter, zeitlich gerade zwei Monate vor dieser. Charly (heute Scotty) lebt wohl behütet in Schmieheim. Amanda zwang uns durch ihre Kletterkünste zu jahrelangem Ziehen grüner, bissfester Metallzäune, oft über 2 m hoch. Radeln mag sie nicht so gern, dafür liebt sie die Vogesen und den tiefen Schnee.

H'Ely & Ella hatten einen gefährlichen Kampf, den ich aus Unachtsamkeit mit den Zwingertoren zu verantworten hatte. Als ich es endlich bemerkte floss viel Blut. Ich hielt nicht lange stand die beiden mit ausgestreckten Armen zu trennen. Vom Hilferufen versagte mir die Stimme. Meine Kleidung war von ihrem Blut durchtränkt. Während Schaulustige regungslos am zweiten Eingangstor verweilten kam endlich Hilfe. Es waren besagte Nachbarin mit ihrem, zwischenzeitlich tödlich verunglückten, Sohn. Hätte sie mir nicht eine der beiden mit kräftigem Griff entrissen um sie wieder in ihren Zwinger zu bringen, hätte ich H'Ely nicht mehr helfen können. H'Ely's Wunden an Hals, Nase und Schädel verheilten unglaublich schnell. Amanda reinigte nacheinander beide vom Blut. Wenn Erfolg bei den Menschen Überleben bedeutet, ist diese Rivalität zu verstehen. Sie teilten sie sich, mit ruhigerem Gemüt: 10 Ar Grundstück, regelmäßigen Auslauf an der Metallbügelfeder des Mountainbike und an der Leine auf unseren zahlreichen Bergtouren, mit Vorliebe beim Schneeschuhlaufen. Bald darauf, bei einer solchen in den Vogesen oberhalb von Barr beschützte mich Ella. Dies tat sie, mich herumreißend warnend vor dem zuvor von mir ertappten, mich daraufhin unbemerkt verfolgenden Autodieb. Sie stoppte ihn ebenso angriffslustig, nur wesentlich aggressiver. Dieses Verhalten an ihr beobachtete ich nie wieder; doch seit diesem Vorfall ließ sie, wenn wir alleine unterwegs waren, keinen mehr auf gleicher Höhe den Weg passieren.

Ihre Aufnahme inklusive Welpen war nicht nur in diesem Fall Bereicherung per Schicksalsmacht. - Jetzt wisst ihr weshalb ich sie Wölfe nenne, meine Huskys mit und ohne Stammbaum.

Es gibt kein Gut und kein Böse
"Im Vorjahr wurden von 686 aufgenommenen Tieren 156 adoptiert. Für die anderen hatten wir keine Wahl! Das Einschläfern wird vom Tierarzt vorgenommen. Wir tun das nie gern, denn wir lieben die Tiere." 

(Jean-Pierre Blondé, Tierheim Lièpvre, Mitte März 1997 im Interview mit Christophe Fifre D.N.A./Strasbourg) 

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die universelle Liebe als Himmelsmacht
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